Ein Hoch auf deutsche Bürokratie

Na dann wollen wir mal, is ja schon ein bisschen her…
Der Alltag hat sich eingebürgert und ich fahre Montag bis Mittwoch immer brav zur Uni. Wie schon erwähnt ist die Fahrt ziemlich fad und der Fakt das ich wenn ich um 11.30 Uni habe um 7 aufstehen muss um dann noch 2 Stunden an der Uni zu warten nervt ziemlich. Aber dafür ist das Wochenende ja 4 Tage lang.
An den Wochenenden wird dann meistens der ganze Kram gemacht der sich so anstaut (wie Putzen, Waschen, Lesen, etc) und ab und zu wird natürlich auch mal weggegangen 🙂
Gestern war ich das erste Mal mit meinen Mitbewohnern weg, war echt supi, ich kann nicht aufhören zu betonen was für ein Glück ich mit ihnen habe.

Letzte Woche war ich mit ner Gruppe Studenten im Emniyet, einer Art Mega-Einwohnermelde- bzw. Ordnungsamt.
Auf dem Weg dahin hat sich der, noch total verschlafene weil um 7 Uhr aufgestandene, David dann noch ne kleine Platzwunde am Kopf zugezogen weil er in Trance gegen das Metalldach eines Dönerstandes gelaufen ist. Der Tag hat also schon gut angefangen. Als wir dann gegen 8.30 durch alle Sicherheitskontrollen durch waren, haben wir brav ne Nummer gezogen und angefangen zu warten das wir dran kommen. Das Gebäude an sich hatte etwas sehr kasernenartiges, was zu einem großen Teil daran lag das es wohl auch unter anderem eine Polizeikaserne ist. Überall stehen Polizisten mit Maschinengewehren im Anschlag rum und gucken grimmig, der Hof durch den man musste dient gleichzeitig als Parkplatz für Polizeipanzer, Wasserwerfer und Mannschaftstransporter und im 30min Takt flog ein Helikopter über das Gelände.
An sich habe ich mir gedacht wartet man 1-2 Stunden und geht dann wieder, weshalb ich ziemlich miesepetrig war das wir so früh hingegangen sind, doch es kam alles ganz anders… Ich hatte die Nummer 22 an meinem Schalter, und als um 12.30, also nach 4 Stunden Aufentalt, die Mittagspause begann und der Hänger im Büro bei Nummer 9(!!!!) war, fing sich mir langsam das ungemütliche Bild eines Ganztagesaufentalts abzuzeichnen. So kam es dann auch. Ich kam mir beim Warten vor wie in einem Gefängnis – alles stand dicht an dicht gedrängt in der „Schlange“, einem riesigen Menschenknäul in einem 3m breiten Flur. Man hört Sprachfetzen aus aller Herrn Länder, Babys schreien ununterbrochen, Menschen schwitzen, schreien, weinen. Es gibt keine Sitzmöglichkeiten, das heisst hier und da sitzen Leute mitten in der Masse auf dem Boden, es gibt keine elektronischen Anzeigen die sagen wer wann am Schalter dran ist so das, in dem Raum in dem auf ca. 50qm 7 Schalter sind, ständig Leute durchwollen um zu fragen welche Numemr gerade bedient wird. der Korridor vor den Schaltern ist keine 1,5m breit so das wenn man zum Schalter am Ende will, durch ganze Horden von oben beschriebenen Menschen muss, ab und zu ist auch mal ein schreiendes ungewickeltes Baby daunter.

Als ich um 15.15 an den Schalter kam grinste mich ein etwas untersetzter Mittdreißiger an der, nachdem er seinen Tee fertig getrunken hatte, langsam meine Papiere durchgckte und anfing zu areiten, was ungelogen folgendermaßen ablief:
mich angucken, die Papiere angucken, mich angucken, die Papiere angucken, Tee trinken, neuen Tee holen, mich angucken, etwas schreiben, Tee trinken, eine Olive essen, einen Mülleimer für den Kern suchen, verdutzt feststellen das die Hände nun dreckig sind, mich angrinsen und zur Toilette gehen um sich die Hände zu waschen, wiederkommen, vergessen neuen Tee mitzubringen, also wieder aufstehen und Tee holen, auf dem Rückweg 5min mit nem Kollegen über die Witzeseite in der Zeitung die der Kollege gerade liest lachen, etwas schreiben, mich angucken, ans Handy gehen und mit der Familie über das Abendessen reden, etwas schreiben, ne Kippe rauchen gehen, etwas schreiben, neuen Tee holen, auf dem Rückweg mit nem Freund in der Schlange reden und während alle anderen zugucken 5min mit ihm reden, mich darauf hinweisen das ich mit dem Wisch den er mir gegeben hat bezahlen muss, allerdings im Büro das nur noch 10 Minuten auf hat und ne ewig lange Schlange hat.
Am Bezahlschalter ging dann alles ziemlich schnell, so dass ich noch bezahlen konnte und um 16.05 das Gebäude verlassen hatte – nach 8 Stunden Aufentalt.
Von anderen Leuten die da waren habe ich Geschichten gehört das zwei „Beamte“ vor den Augen der wartenden Massen angefangen haben Karten zu spielen! Nie wieder werde ich mich über deutsche Bürokratie beschweren, Lektionen in Demut gibts in der Türkei, für alle die die Zustände in deutschen Ämtern kritisieren.
Das war der schlimmste Tag den ich bis jetzt in Istanbul hatte. Vor dem Hintergrund das ich wegen der Aktion am morgen tierische Kopfschmerzen hatte und 3 Stunden geschlafen hatte, ergänzt durch die unbeschreibliche Situation auf den Fluren…
Ich muss nächste Woche nochmal hin um meine Aufentaltsgenehmigung abzuholen, ich hoffe das geht dann schneller, ein weiteres mal halte ich nicht durch, nun weiß ich auch warum da so viele Leute mit MGs sind, denn bei den Zuständen kann es durchaus passieren das man Amok läuft.

ps: für alle die drin sind: habe 2 fotoalben in studivz gestellt