Frohen ersten Advent!

Ich wünschte hier wäre wenigstens ein bisschen Weihnachtsstimmung anwesend. Das einzige was hier daran erinnert ist das geschmückte deutsche Konsulat. Wenn ich irgendwas aus Deutschland vermisse dann sind es die Weihnachtsmärkte inklusive all den Leckereien und Bratwurstständen… Das Wetter ist ziemlich wechselhaft – letzte Woche waren es nochmal 20°C mit Sonnenschein, ein paar Tage später ging es dann wieder in Dauerregen und Kälte über.
Freitag und Samstag war ich in Ankara und habe Ahmet, einen Freund den ich in den ersten Wochen kennen gelernt habe, besucht. Er studiert und wohnt dort zusammen mit seiner Freundin. Ich hab auf ihrem Sofa geschlafen, alle waren wie immer hier extrem gute Gastgeber. Ankara an sich ist … sorry ich kann nicht anders sagen: echt scheußlich! Alle die schon da waren, inklusive meiner Mitbewohner, hatten mich gewarnt, aber wie schlimm kann die Hauptstadt eines Landes wie der Türkei schon aussehen… weit gefehlt. Die Stadt besteht ausnahmslos aus riesigen Betonklötzen. Nicht nur die üblichen Satellitensiedlungen um die Stadt sind in dieser, sehr an die Vorstellung erinnernd die man von irgendeiner kommunistischen Plansiedlung in Ostsibirien hat, Art erbaut, sondern auch die komplette Innenstadt. Unterbrochen wird das ganze nur von den Ministerien und Regierungsgebäuden, die zwar auch größtenteils Betonklötze sind, jedoch meist wenigstens eine Art eigenen Stil besitzen. Der wohlausschlaggebende Punkt der für Ankara als Hauptstadt war neben dem Bruch mit dem osmanischen Istanbul vor allem der Fakt das sie für Armeen unerreichbar weit draussen  liegt. Allerdings ist es auch nicht schwer etwas weniger schönes als Istanbul zu finden wenn man von dort kommt.
Eine der wenigen Sehenswürdigkeiten ist das Anitkabir, das Mausoleum von Kemal Atatürk. Eine Kommilitonin aus Berlin hat mich schon darauf vorbereitet und mir ausführlich die Parallelen zwischen der Architektur des Mausoleums und des Flughafens Berlin Tempelhof beschrieben. Der Komplex war, selbst wenn ich es mir noch größer vorgestellt hatte, sehr beeindruckend und strikt. Mal abgesehen vom „Tempel“ in dem Atatürks Sargopharg liegt gibt es natürlich noch ein recht ausführliches Museum das diverse Devotionalien und Gebrauchsgegenstände beheimatet. Angeschlossen an dieses Museum ist dann noch das Museum über den so genannten türkischen Unabhängigkeitskrieg (ein Term der von den meisten Professoren gemieden oder zumindest mit kritischen Hinweisen verwendet wird). Das Kriegsmuseum ist wie man es erwartet, voll von Ausstellungsstücken, nachgestellten Schlachtszenen und Gemälden vom aufopferungsvollen Kampf der Türken gegen die massakrierenden und marodierenden Griechen, aber was erwartet man schon wenn man ins quasi nationale Heiligtum einer solch nationalistischen Nation fährt, ich bin mir fast sicher das das Militärmuseum in Athen sehr ähnlich aussieht. Beste Freunde werden die beiden Länder wohl nie. Daneben gibt es natürlich noch einen Filmraum in dem ein etwas zu krass schmalzig-nationalistischer Film über Atatürks Leben läuft, aber wie schon gesagt, ich beschwer mich nicht, ich bin ja hingefahren und wusste was mich erwartet. Interessant war es allemal.


Abends waren wir dann noch was trinken mit ein paar von Ahmets Freunden, Samstag früh bin ich dann wieder nach Istanbul gefahren. Da ich verschlafen hatte bin ich mit nem Bus gefahren. Die Busse zwischen Ankara und Istanbul fahren selbst Samstags im 30Min Takt, was mir sehr entgegen kam. Die Fahrt an sich war echt schön, hin gefahren bin ich ja nachts so das ich nichts gesehen habe, auf der Rückfahrt gab es dann die ganze Vielfalt der anatolischen Landschaft zu sehen. Ich bin ja nun echt kein ausgesprochener Natur- bzw. Landschaftsfreund, aber überrascht und beeindruckt hat es mich trotzdem. Innerhalb von 50km reicht das Spektrum der Landschaft von Alpental-ähnlicher Bachkulisse über waldiges Seeufer bis schroffe, karge Marslandschaft mit nichts ausser ein paar Grasbüscheln und Flechten, im Hintergrund immer riesige Berge mit Schneekuppen.

Das ganze wäre allerdings noch besser zu genießen gewesen wenn ich am Fenster hätte sitzen können, was mir wie folgt verwehrt wurde: Der Bus hatte ca. 50 Plätze von denen insgesamt 16 belegt waren. Da die Plätze der Reihe nach verkauft wurden befanden sich alle Mitfahrer in den ersten vier Reihen des Busses, was auch den Rest der Fahrt so blieb. Als ich mich umsetzen wollte, weil ich zum Gang saß, hinter mir ein Baby schrie und der Typ neben mir geschnarcht hat, kam der Busbegleiter und mahnte mich sehr aggressiv „no change seat, no change seat!!!“. Mein Türkisch war leider zu schlecht um ihm irgendwas entgegen zu setzen und er sprach anscheinend auch nicht mehr Englisch als diese paar Wörter. Warum ich mich nicht umsetzen dürfte kann ich noch nicht mal erraten, aber als ich später nochmal versuchte bekam ich die gleiche unfreundliche Reaktion, so was hätte ich in Deutschland erwartet, hier hat es mich sehr überrascht .

An der Uni läufts ganz gut, die Mid-terms die nichts mit Philosophie zu tun hatten waren wesentlich besser, außerdem hab ich endlich angefangen das Unisportzentrum zu nutzen was nach einer Stunde Squash in 5 tägigem Muskelkater endete. Trotzdem toll, und alles umsonst – Squash ist echt nur zu empfehlen. Unter der Woche hab ich relativ viel mit dem Holländerpärchen und zwei Englandern zu tun, mit denen ich auch das Freundschaftsspiel letzte Woche zusammen verfolgt habe, Sprüche muss ich mir trotz unserer 1:2 Niederlage aber zum Glück nicht mehr anhören.
Nächste Woche gibts dann nochmal ne Woche Bayram Ferien. In diesen werde ich meine zweiteilige „Achse des Bösen Tour 08/09“ beginnen und über Gaziantep im Süden der Türkei nach Aleppo, Damaskus und Beirut fahren, worauf ich mich schon freue wie Bolle. Meine beiden Mitbewohner sind ja beide in Syrien aufgewachsen und haben von daher genügend Erfahrung und haufenweise Tipps für mich. Von Syrien hab ich bis jetzt nur gutes gehört, die Leute sollen aufgrund des nicht besonders positiven Bildes ihres Landes im Ausland, NOCH freundlicher sein, mal abgesehen davon das es dort natürlich, wie hier, geschichtsträchtige Orte en masse gibt.
Eigentlich wollte ich ja mit Omar aus Darmstadt fahren, aber ich habe mich erst vor ein paar Tagen endgültig dazu entschieden zu fahren, und wenn es so gut wird wie ich glaube werden mir die 11 Tage die ich frei habe eh nicht genug für das Land sein – und der Flug ist nicht allzu teuer.

Zum Schluss noch eine Filmkritik. Ich habe vor zwei Wochen mit Lars den Film „Kurtlar Vadisi: Irak“ gesehen. Sobald ich anfange davon zu reden muss ich echt zweimal überlegen bevor die Worte meinen Mund verlassen, denn so was hab ich einfach noch nicht gesehen. Der Film ist die Kino Version der beliebten Serie Kurtlar Vadisi (Tal der Wölfe) in dem der Protagonist, ein Geheimagent, die Mafia unterwandert und zerschlägt. Der Film hat sehr lose etwas mit der sog. „Sackaffäre“ zu tun bei der türkische Soldaten im Nordirak von Amerikanern festgenommen und mit Säcken über dem Kopf abgeführt wurden. Der Held des Films fährt mit seinen zwei Agentenfreunden in den Irak um den Organhandel treibenden, Kinder erschießenden US General aufzufinden und die Ehre der türkischen Nation wiederherzustellen indem er ihm einen Sack über den Kopf zieht. Eingespielt werden Szenen in denen US Soldaten Hochzeitsgesellschaften stürmen, dort Kinder erschießen und die gesamte Hochzeitsgesellschaft nach Abu-Ghraib deportieren wo sie nach der Folter von einem jüdischen Arzt ausgeweidet werden der dann ihre Organe nach London, New York und Tel Aviv verschifft. Auf dem Weg dorthin lassen haufenweise Kurden, offensichtlich Kollaborateure, ihr Leben.
Ich werd es nicht weiter ausführen, mehr als nur die Spitze des Eisberges ist es aber nicht. Der Film ist Action-technisch sehr gut gemacht, was damit zu erklären ist das es die teuerste jemals produzierte türkische Film ist. Der gesamte Film ist durchzogen mit allgegenwärtigem Antiamerikanismus, Antisemitismus und Seitenhieben in alle Richtungen, so ist das Hobby des US Generals zum Beispiel Klavierspielen, wobei er immer nur ein Stück spielt, die Ode an die Freude, die Hymne der EU…
Der Film hat schon als er raus kam für haufenweise Ärger gesorgt, leider nur in Deutschland wo er in einigen Kinos lief – in der Türkei war es der erfolgreichste Film aller Zeiten, der Ministerpräsident lobte ihn usw…
Genug des Ärgers, ich mag das Land immer mehr, aber wenn ich dann so was sehe…
Sogar Lars, der schon seit 3 Jahren hier wohnt war erheblich schockiert, Amer hat uns nur verächtlich angeguckt als wir ihm gesagt haben was auf dem Filmprogramm für den Abend steht. Am Ende ist Rambo auch nicht besonders politisch korrekt, aber irgendwo is auch mal gut

Artikel aus der „ZEIT“

In zwei Wochen kommt dann auch schon wieder der nächste Besuch, freu mich schon, eine wunderbare Vorweihnachtszeit noch.

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