Campusleben mit Habermas, Hobbes und Locke.

Serif Mardin ist DER Denker der modernen Türkei. Jeder kennt und schätzt ihn. Er ist eine Legende. Für uns Deutsche ist er bereits heute früh zur Legende geworden. Dieser türkische Habermas hat seine Kursvoraussetzungen präsentiert und wir haben sofort das Weite gesucht und schnell gefunden. Wir haben uns also ins Faculty of Arts and Social Sciences Café verdrückt und erstmal ne Runde Backgammon in der Sonne gespielt. Ich hab meinen eigenen idiotischen, planlosen Spielstil und… trotzdem gewonnen! Die erste Woche in Kartal und die vielen Übungsstunden mit Ozan und Okan haben sich gelohnt.

Man kann die Studierendenschaft hier wirklich sehr gut kategorisieren! Die Mädchen laufen alle rum wie kleine Paris Hiltons. Dabei tragen sie ihre Jogginghosen und ihre bunten Abercrombie T-Shirts. Dazu eine Lederhandtasche à la Louis Vuitton und Chucks – was sonst. Aussehen sollen sie wie „Gerade-aus-der-Sporthalle“ aber in fact this is the Ergebnis of stundenlangem Make-Upping vor dem Spiegel in ihren Zimmern. Die ganzen Freshmen sind alle um die 18. Kayahan – einer meiner Roommates – ist gerade mal 17 geworden. 1990er Jahrgang. Krass. Gestern überkam ihn eine Heimweh-Attacke. Ich habe ihm dann eine Webcam-Unterhaltung mit seiner Mami angeboten und schwupps: Alles wieder gut. Die armen kleinen Jungs werden hier einfach so reingeworfen und müssen irgendwie zurecht kommen. Wie schon gesagt: Depression is a serious matter here.

Meet my Schrank, my bed and my Arbeitsplatz!

Die Professoren und Assistants here sind echt großartig. Auch wenn man sich als Westeuropäer manchmal irgendwie behämmert vorkommt wenn sie mit ihren hypermotivating US-Lernmethoden unterrichten, kann ich bereits jetzt enorme Lernerfolge verzeichnen! 80 Prozent des Lehrkörpers hat eine US-Amerikanische Bildung genossen und rühmt sich heute mit Yale-, Harvard-, Princeton- und Columbia-Alumni-Zugehörigkeiten. Das ist ein Schlag von Türken, wie man ihn bis dato noch nicht kannte.

Ich scheine die Exchangers mit meinem Fasten angesteckt zu haben. Viele treffen sich Abends um 19:00 und Essen zusammen. Auch wenn sie nicht fastet, fiebert Anna dem Sonnenuntergang entgegen. Auch die anderen stärken ihren Willen und verschieben ihr Dinner auf 1-2 Stunden nach hinten. Sehr süß diese Leute hier! „Excellent“ würde der Dozent für Politische Philosophie sagen.

Die Aussicht von meinem Wohnblock. Ich wohne in A3, Zimmer 005.
Im Hintergrund sieht man das Meer, wenn der Himmel klar ist bzw. wenn ich meine Kamera mal endlich verstehen würde J

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Pocahontas und Fight Club

Zitat vom Dozenten aus dem Seminar für Moderne Politische Theorie: „You couly probably base your paper or essay on the story of Pocahontas. Or Fight Club. You can find the DVDs at the IC (Information Center) [Bibliothek].“

Erster Schultag

Süß. Die eine Hälfte der SU Studenten ist der Bildungselite zuzurechnen, die andere Hälfte gehört zu der türkischen Highclass. Jedenfalls hatten gestern 700 Kids ihren ersten Tag an der Uni, viele sichtlich aufgeregt. Während die einen bei dem Englisch Einstufungstest so gut abgeschnitten haben, dass sie das Preparation Year überspringen können, muss sich die andere Hälfte im ersten Jahr einem krassen Englisch Kurs unterziehen. Die drei Jungs aus meinem Zimmer werden jetzt die nächsten 12 Monate jeden Morgen um 08:40 antanzen müssen damit sie im kommenden Jahr dann mit dem jeweiligen Studienfach beginnen können. Interessantes System.

Wir Exchange Kinder hatten gestern also auch ihren ersten Tag. Der Unterschied: Wir treiben uns schon ne Woche auf dem Campus rum und haben uns soweit damit abgefunden. „Depression is a serious matter here.“ Erzählt Nancy aus dem Community Support Center. Die Leude und ich haben beschlossen, uns die erste Woche komplett reinzuziehen, um mal einen Überblick über das Veranstaltungsangebot zu gewinnen, so ging es gestern auch schon so früh los. In dem Kurs über die „European Union“ wird erst kurz die Geschichte abgerissen: „There are several personalities in European History that I really adore: Napoleon, Bismarck, Churchill….and good old Hitler“. Okay. Verstehe.

Nach zwei weiteren Introductions in zwei weiteren Kursen über „Turkish Politics“ und „Politics of Citizenship“ finden sich das Gros der Exchange-Students in einem Kurs wieder, der vielversprechend klang: „Middle Eastern Politics and Government“. Als ich dann wieder aufgewacht bin, hatte es geregnet. Schule aus. Wir fahren erstmal in die City, in das größte Einkaufszentrum der Stadt: CEVAHIRI. 3 Stunden später sind wir dann tatsächlich da. Ich kaufe mir eine Krawatte. Nett. Bis spät in der Nacht saß dann die Kartoffelconnection noch im Studyroom und hat sich über den sächsischen Dialekt lustig gemacht. „I soch ma sö: Güte Nocht!“.

Enjoying ourselves

Die Tage vergehen hier wie im Flug. Vor allem die Tage. Die Nächte sind lang. Wenn ich in Darmstadt durch die Mensa laufe, dann bemerke ich immer, wie sich die Spanier an einen Tisch setzen, wie sich die Ägypter in gehobener Lautstärke austauschen und wie sich die Chinesen das Essen reindrücken, damit ihr Stuhl in der Bib auch ja nicht wieder kalt wird. Anfangs fand ich das seltsam, dann begann ich damit zu sympathisieren. Schließlich unterhält man sich ja in seiner Muttersprache viel einfacher als auf einer anderen. Jetzt bin ich selbst ein Student im Ausland und sehe mich Abends in der Mensa, umgeben von ERASMUS Studenten allover Europe. Das ist wohl der Lauf der Dinge.

Gestern Abend haben wir Kartoffeln uns also im Aufenthaltsraum über Annas Laptop einen Film angesehen: Matchpoint. Ziemlich erschreckender Film. Danach hat man sich halt so durch die Gegend geschlendert und schwupps saß ich mit Teyfik im Dunkin‘ Donuts. By the way: Der Dunkin‘ Donuts here on campus hat 24 Studen geöffnet. Wenn man also um 04:30 am Morgen Lust auf Donutlar hat, dann holt man sich einfach einen. Wir beide saßen also da, bis in die Puppen. Hab mich dann ins Zimmer geschlichen um die Jungs, Ismael und Ali, nicht aufzuwecken. Licht aus, ich schleiche mich aufs Zimmer: Die Jungs waren nicht in ihren Betten. Als sie dann gegen 05:00 kamen haben wir uns erstmal hingesetzt und über türkische Politik unterhalten. Sehr cool. Gegen 07:00 dann Schnarch. Wir haben einander wirklich ins Herz geschlossen. Good Night Ömer, we love you. Süß.

Dann. Schwupps. 14:00. Mit den Kartoffeln im TV-Room zergammelt und schwupps war es 19:12. Essen. Wieder surrounded by Exchange Students, was wirklich sehr nett ist. Ziemlich jeder der Leute hat mittlerweile seine roommates, die er zu den Exchange-Treffen mitzubringen beginnt. Meine roommates habe ich dann mal mitgenommen, auf das Sit-in in Zivas (Slowenien) Zimmer. Von einer Sekunde auf die andere kam die Idee Youtube als KARAOKE –Maschine zu instrumentalisieren. Sehr cool eigentlich. 99 Luftballons habe ich so ziemlich alleine gesungen und dann sollte jeder etwas auf seiner Sprache singen. That was fun.

Morgen beginnen die Lehrveranstaltungen und ich z.B. habe meinen Stundenplan noch nicht gemacht. Einige werden sich wohl die erste Woche komplett reinziehen und dann adden und droppen, in der „Add-and-Drop-Period“.

Also denn, ich sollte mich mal hinknallen for to get some sleep. Good night, everbody! Enjoy yourselves!

OldCity und EthnoRock

Gestern ging dann auch der letzte Tag unserer überragenden Orientierungswoche zuende. Eine nette Old-City-Tour stand auf dem Programm und wurde blöderweise von dauerhaftem Nieselregen begleitet. Egal. Unser frecher Reiseführer hat uns dann die Hagia Sophia, den Sultanahmet-Palast und den Topkapi-Palast gezeigt und das ganze mit vielen interessanten Informationen ausgeschmückt, die ich mit Aylin zusammen noch nicht herauslesen konnte. Eigentlich doch ganz nett diese Locations, ich nehme meine Kritik zurück. Mittagessen habe ich – weil ich doch faste – ausgelassen und habe die Gelegenheit genutzt, das Freitagsgebet in der Sultanahmet Moschee zu beten. Auch wenn mein türkisch noch nicht wirklich ausgeprägt ist, habe ich einen Großteil der Predigt verstanden. Ab 17:00 hatten wir dann zur freien Verfügung und so ergab es sich, dass wir den 01:00 Bus genommen haben und dann alle im Bus gedöst haben. Auf unserer von EthnoRock unterstrichenen Pubcrawling-Tour durch die Szene Istanbuls treffen wir andere ERASMUS-Studenten aus Berlin, die uns schon aus dem Internet bekannt vorkamen. Krasser Zufall.

Jedenfalls, im Großen und Ganzen, die Orientierungswoche war great. I loved it. Viel Spaß gehabt. Die Leute sind sehr nett und die Organisation war bis auf weiteres ziemlich gut. Die Türken sind ein sehr nettes, herzliches Völkchen. Find ich gut. Mittlerweile sind zwei meiner Zimmerkameraden da. Ihre Namen schreibe ich erstmal nicht, weil sie im Moment hinter mir im Zimmer herumhuschen und dann vielleicht bei einem Blick auf das Display erschrecken. Und bevor ich dann noch erklären muss, was das soll, lasse ich es vorerst. Ob ich mit in die City wollte, fragen sie gerade. Danke nein. Ich bin mal so konsequent und setze mich an meine Hausarbeit für die TUD und außerdem habe ich zwei Waschmaschinen am laufen, und außerdem sollte ich mal langsam langsam machen. Istanbul kann verdammt teuer sein!

Ein Mosaik aus der Hagia Sophia. Ziemlich eindrucksvoll. Das ist das Mosaik, das aus der Türkei-Marketing-Tourismus-TV-Werbung kennt, falls es bekannt scheint.

Istanbul Kas[s]ab(i)

3…2..1… Fener!

Ich habe einen neuen Lieblingsfussball-Club. Nachdem mir Ozan einen Schal von Fenerbahce geschenkt hatte und die Jungs mich die Woche über auf dieses Team getrimmt hatten, konnte ich Teyfiks Angebot, zu dem Spiel gegen Inter Mailand zu gehen, nicht abschlagen. 50 YTL später hatten wir dann das Ticket in der Tasche. Krasse Atmosphäre in diesem Stadion, vor allem, weil es nahezu ausverkauft schien und die Mailänder Fans an zwei Händen abzuzählen waren. Fenerbahce Istanbul gewinnt mit 1:0 gegen Inter Mailand in dieser Partie der Champions League. Man spürt es in den Knochen und in den Ohren. Gelb! Blau! Champion! Fenerbahce! Krass.